13.12.2018

"Schule darf nie stehenbleiben"

didacta Themendienst 05 - Ein Interview mit dem bayerischen Staatsminister für Unterricht und Kultus, Michael Piazolo

Michael Piazolo ist seit November 2018 bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus. Im Interview erklärt er, wie er sich die Zukunft der bayerischen Bildung vorstellt und wo der Freistaat seiner Meinung nach bereits gut dasteht.

Herr Minister, vor welchen Herausforderungen steht das bayerische Bildungssystem 2019?
Das bayerische Bildungswesen steht für hohe Qualität. Diese wollen wir auch für die Zukunft sichern. Und natürlich wollen wir immer noch ein wenig besser werden. Daran arbeiten wir! Zentrale Aufgabe von Schule ist es, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und ihnen die Kompetenzen mitzugeben, die sie für eine spätere Berufsausbildung oder ein Studium und die aktive gesellschaftliche Teilhabe brauchen. Dabei darf Schule nie stehenbleiben, sie muss gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren und entsprechend aufnehmen. Ein Zukunftsthema ist sicherlich die Digitalisierung – wir wollen sie an den bayerischen Schulen noch weiter voranbringen. Die technischen Rahmenbedingungen müssen dabei ebenso wie Inhalte und Werkzeuge gegeben sein. Zentral ist zudem die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte. Und auch die Weiterentwicklung des neunjährigen Gymnasiums steht auf unserer Agenda. Zu diesem Schuljahr ist es offiziell gestartet. Momentan sind wir dabei, das Konzept für die neue Oberstufe zu entwickeln.  Zudem arbeiten wir intensiv daran, die bundesweite Vergleichbarkeit des Abiturs zu verbessern, ohne dabei vom anspruchsvollen bayerischen Niveau abzurücken. Und wir werden auch im kommenden Jahr die Entwicklung der Schülerzahlen und des Lehrerbedarfs genau im Blick haben.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband spricht von Personalmangel, vor allem an Grundschulen. Das Kultusministerium bewertet die Situation anders. Wie erklären Sie diese unterschiedlichen Analysen der Lage in Bayern?
Fakt ist: Zum Schuljahresbeginn 2018/2019 standen ausreichend Stellen und Mittel zur Verfügung, um den Unterricht bayernweit zu sichern. Insgesamt haben wir rund 4.300 qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer auf Planstellen eingestellt. Auf Seiteneinsteiger konnte Bayern wie in den vergangenen Jahren verzichten. Damit konnten alle Stellen mit entsprechend qualifiziertem Personal besetzt und zusätzlich 850 neue Stellen geschaffen werden, um wichtige Themen wie die digitale Bildung, die Stärkung der Inklusion oder die Weiterentwicklung der Integrationsmaßnahmen weiter voranzubringen. Um den Bedarf an Lehrkräften an Mittelschulen zu decken, haben wir bereits 2015 eine Zweitqualifizierungsmaßnahme für Realschul- und Gymnasiallehrkräfte gestartet. Diese Maßnahme haben wir dann auf Grund- und Förderschulen ausgeweitet. Die Zahlen zeigen den Erfolg: Inzwischen haben rund 1.050 Lehrerinnen und Lehrer die Zweitqualifizierung schon durchlaufen. Aktuell nehmen über 1.620 Lehrkräfte an der Maßnahme teil. Die mobile Reserve haben wir aufgestockt, sodass nun 2.450 Vollzeit-Lehrerstellen bereitstehen, um Ausfälle von Lehrkräften aufzufangen.

Welche Schritte unternimmt Bayern, um mehr junge Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen?
Bayern erstellt seit Jahren eine eigene, jährlich aktualisierte Schüler- und Lehrerbedarfsprognose. Damit kann das Kultusministerium relativ passgenau und vorausschauend planen. Auf dieser Grundlage wurden frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um genügend ausgebildete Lehrkräfte zu haben. Damit wir auch weiterhin ausreichend qualifizierte Lehrkräfte in Bayern haben, denken wir weiter voraus und ergreifen neben der angesprochenen Zweitqualifizierung weitere Maßnahmen: Der Freistaat hat bereits ab diesem Wintersemester 2018/2019 700 zusätzliche Studienplätze für das Grundschullehramt an Bayerns Universitäten geschaffen – und zwar vor allem in den Ballungsgebieten, in denen die Lehrkräfte besonders gebraucht werden. Für die sonderpädagogischen Förderzentren, die wir erhalten wollen, brauchen wir mehr Sonderpädagogen. Daher werden hier weitere fünf Lehrstühle an den beiden bisherigen Ausbildungsstandorten München und Würzburg sowie am neuen Ausbildungsstandort an der Universität Regensburg eingerichtet.

Wie ist Ihre Meinung dazu, Ausfälle in der Unterrichtsversorgung durch Quereinsteiger zu kompensieren?
Das bayerische Bildungssystem steht für hohe Qualität und Anspruch. Diese Qualität zu erhalten, hat für mich Priorität. Dabei ist auch die Qualifikation und Kompetenz der Lehrkräfte entscheidend. Wie auch in den vergangenen Jahren konnte Bayern zur Sicherung der Unterrichtsversorgung auf Seiteneinsteiger verzichten und alle Planstellen mit qualifizierten Lehrkräften mit pädagogischem Examen besetzen. Dabei ist mir aber auch bewusst, dass für den kurzfristigen Vertretungsfall auch Aushilfen eingesetzt werden, die über keine vollständige Lehramtsausbildung verfügen, wie beispielsweise ein Musiker, der für den Musikunterricht eingesetzt wird.

Inwiefern können sich andere Bundesländer ein Beispiel an Bayern nehmen, wenn es um die Bewältigung des Lehrermangels geht?
Bildung hat im Freistaat einen sehr hohen Stellenwert. Der Etat für das Bayerische Kultusministerium im Jahr 2018 liegt bei rund 12,6 Milliarden Euro. Die qualifizierten Lehrkräfte tragen zur Sicherung unserer qualitätsvollen Bildungslandschaft deutlich bei. Mit den eigenen Prognosen zur Entwicklung der Schülerzahlen und zum Lehrerbedarf können wir – wie eben dargestellt – vorausschauend handeln und Maßnahmen ergreifen. Zudem ist der Lehrerberuf in Bayern attraktiv: Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Rahmenbedingungen weiter zu optimieren, zum Beispiel durch zusätzliche Lehrerstellen, durch neue Programme wie „Schule öffnet sich“ mit neuen Stellen für Schulsozialpädagogen und mehr Stunden für Schulpsychologen.  Die engagierte Arbeit, die die Lehrkräfte an den bayerischen Schulen für die Kinder und Jugendlichen leisten, bezahlen wir im Freistaat entsprechend. Der Bildungsfinanzbericht 2017 zeigt, dass bayerische Lehrkräfte im bundesweiten Vergleich sehr gut bezahlt werden. Die Bruttogehälter lagen im Berichtszeitraum monatlich um rund 300 Euro höher als im Bundesdurchschnitt. Und: Anders als in anderen Bundesländern sind in Bayern rund 95 Prozent unserer Lehrerinnen und Lehrer verbeamtet oder unbefristet angestellt.

Gilt weiterhin, dass Anträge auf Frühpensionierung von Lehrkräften im kommenden Frühjahr vom Ministerium abgelehnt werden müssen, weil sonst der Regelschulbetrieb gefährdet wäre?
Vergangenes Jahr haben wir mit Blick auf den Lehrerbedarf an den Grund- und Mittelschulen vorsorglich die Möglichkeit besprochen, Entscheidungen über einen sogenannte „Antragsruhestand“ zum Februar 2018 gegebenenfalls einstweilen zurückzustellen. Ein solches Moratorium kam jedoch nicht zur Anwendung. Auch für das kommende Jahr ist das nicht geplant.

Vielen Dank für das Gespräch.

Viele der Themen, die die Bildungsbranche aktuell beschäftigen, greift die didacta 2019 in ihrem anspruchsvollen Event- und Kongressprogramm mit Foren, Workshops, Vorträgen, Seminaren, Sonderschauen und Podiumsdiskussionen auf und bietet so Fach- und Lehrkräften vielfältige Informationen sowie die Möglichkeit zu einem intensiven Diskurs über hochaktuelle Bildungsthemen.

Auch das Thema aus diesem Newsletter wird an vielen Stellen auf der didacta aufgegriffen. So wird Bayerns Staatsminister für Unterricht und Kultus, Prof. Dr. Michael Piazolo, auf der didacta 2019 als Talkgast vertreten sein. Deshalb könnten Sie diese Veranstaltungen interessieren:

Forum didacta aktuell
Orientierung in der digitalen Welt – warum Kinder Werte brauchen

  • Prof. Dr. Michael Piazolo, Bayerns Staatsminister für Unterricht und Kultus
  • Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Didacta-Präsident
20.02.2019, 12:00 - 12:45 Uhr, Halle 8, B51
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Bildung
Bildungsrepublik Deutschland: Wie bekämpfen wir den Lehrermangel?
  • Helmut Holter, Thüringer Minister für Bildung, Jugend und Sport
  • Michael Piazolo, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus
  • Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg
20.02.2019, 11:00 bis 12:00 Uhr, Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Lehrermangel in NRW: Was tun?
  • MD Christoph Gusovius, Leiter der Abteilung 1 des Ministeriums für Schule und Bildung NRW
  • Prof.‘in Dr. Petra Herzmann, Empirische Schulforschung Universität zu Köln
  • Dorothea Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW
21.02.2019, 14:45 bis 15:45 Uhr, Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

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